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Interview mit Lisa Batiashvili

Frau Batiashvili, „Zukunftsvisionen“ ist Ihr Leitmotiv für die Audi Sommerkonzerte 2022. Brauchen wir für eine gute Zukunft mehr Visionen?

Ich denke, jeder Mensch braucht eine Vorstellung davon, wie eine bessere Zukunft aussehen kann. Durch die Pandemie sind wir alle in eine neue Realität katapultiert worden. Ein riesiger Einschnitt, auch für den Kulturbetrieb. Zugleich eröffnet uns die Situation aber auch die Chance voranzukommen. „Zukunftsvision“ bedeutet für mich, in die Zukunft zu schauen und zu entscheiden, wohin wir gehen wollen, ganz ohne Angst.

Visionen können uns motivieren weiterzumachen?

Ja, denn wir müssen uns fragen, was nach Corona passiert. Wie soll unsere Zukunft aussehen? Was soll bleiben, was sollten wir verändern? Das hat aber nicht nur etwas mit der Pandemie zu tun, sondern auch mit noch größeren Herausforderungen wie der Klimakrise und der Tatsache, dass wir einen Krieg mitten in Europa erleben. Wir müssen neue Wege finden, um unser Leben nicht unmöglich zu machen.

Was kann die Kultur dazu beitragen?

Ich glaube, wir sind als Künstlerinnen und Künstler auch das Gesicht der Gesellschaft, wir sollten versuchen, voranzugehen und Dinge zu verändern. Zum Beispiel was das Reisen betrifft. In den letzten Jahrzehnten konnte man als Künstler überall sein: an einem Tag in Amerika, am nächsten Tag in Asien, zwischendrin in Europa. Die Situation verlangt von uns, dass wir uns anpassen. Und ich glaube, dass es Momente für uns Künstlerinnen und Künstler gibt, in denen wir deutlicher mitreden müssen.

Inwiefern?

Wir sollten eine klare Haltung einnehmen und zu unseren Werten stehen: Freiheit und Demokratie. Das sind wir Europa schuldig. Ich war zehn Jahre alt, als die Menschen in Georgien begannen, für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion zu kämpfen. Meine Eltern und ich haben in Deutschland vor 30 Jahren die Freiheit gefunden, die wir in unserer Heimat nicht kannten. Bei den Audi Sommerkonzerten werden wir mit Künstlerinnen und Künstlern aus Deutschland und Europa die integrative Kraft der Musik feiern. Mit den Münchner Philharmonikern und dem hr-Sinfonieorchester werden zwei große deutsche Orchester auftreten. Zudem werden wir Konzerte haben, die uns in Kontakt mit der Zukunft der Klassik bringen.

Was ist Ihre Vision, wohin sollte sich die klassische Musik entwickeln?

Sie muss sich nicht nur einmischen in die Themen der Gegenwart, sondern auch viel mehr experimentieren. Es gibt großartige zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten, deren Werk viel zu selten in Deutschland gespielt wird. In Ingolstadt wagen wir in diesem Jahr bei fast jedem Konzert, dem Publikum etwas Neues anzubieten. Etwas, das seine eigene Sprache hat, das uns die Musik anders hören lässt.

Zum Beispiel?

Das unglaubliche Konzert für Oboe des chinesischen Komponisten Qigang Chen, das so futuristisch und zugleich so überwältigend klingt. Zudem haben wir neben großen Namen wie Sir Simon Rattle oder Daniel Barenboim mehrere junge Talente im Programm, darunter zwei Konzerte eines wahrhaftigen Jahrhunderttalents: Tsotne Zedginidze.

Der erst zwölf Jahre alt ist und als „Mozart des 21. Jahrhunderts“ gilt.

Dieser kleine georgische Junge ist nicht nur ein begnadeter Klaviervirtuose. Er denkt sich, während er spielt, auch eigene Werke aus, die so schön und modern sind, dass man diese Art der Musik noch gar nicht wirklich kennt. Diese kreative Seele steht stellvertretend für eine neue Generation von Musikerinnen und Musikern, die so große Meister wie Daniel Barenboim inspiriert, mit dem ich gemeinsam am gleichen Tag wie Tsotne auftreten werde.

Was ist das Besondere an dieser neuen Generation?

Diese jungen Talente, die ich in Georgien kennengerlernt habe und mit der neuen Lisa Batiashvili Foundation unterstütze, vermitteln klassische Musik vollkommen anders, sie sind unglaublich vielfältig und vielseitig. Sie haben nicht nur eine klassische Ausbildung, sie saugen auch alles andere in sich auf: spielen gleichzeitig fantastisch Jazz oder Pop, dirigieren und komponieren, singen und beherrschen verschiedene Instrumente. Es ist eine Freude, diese Vielfalt zu hören und zu sehen. Eine neue Musikwelt tut sich auf, die Grenzen ausdehnt. Auch bei den diesjährigen Sommerkonzerten.

Lässt sich so auch ein neues Publikum für Klassik begeistern?

Viele – und nicht nur junge – Leute gehen mit zu viel Vorsicht und Angst an das Thema Klassik ran, weil sie sich nicht so gut auskennen oder keine musikalische Vorbildung haben. Mit unseren Nachwuchstalenten, aber auch mit unserem Jazz- und unserem Elektrokonzert versuchen wir, sie mit der neuen Welt der Klassik vertrauter zu machen.

Warum könnte sich das lohnen?

Klassische Musik zu hören ist ein direkter Weg, sich mit sich selbst zu konfrontieren und seine Seele herauszufordern. Manche Stücke pushen einen, manche machen traurig, andere wecken Erinnerungen. Darin unterscheidet sich die Klassik nicht von anderen Musikstilen. Mir ist wichtig, mit unserem Festival zu zeigen: Klassik ist nicht nur intellektuell, sie ist vor allem auch in schwierigen Zeiten da für die Menschen, sie ist zeitlos – und sie hat die Kraft, sich zu erneuern.

Bildnachweis:

Lisa Batiashvili: © Matthias Ziegler