Abendprogramm 20. Juli 2025

Alinde Quintet – ARD-Musikwettbewerb Preisträger

Fünf Mitglieder des Alinde Quintet stehen nebeneinander vor grauer Wand, jeweils mit ihrem Blasinstrument in der Hand.

Bildnachweis: © Petra Hajská

Programm

20. Juli 2025

Beginn: 19 Uhr
Ort: museum mobile im Audi Forum Ingolstadt
25 Euro / freie Platzwahl

Alinde Quintet – ARD-Musikwettbewerb Preisträger

Alinde Quintet:
Anna Talácková Flöte
Barbora Trnčíková Oboe
David Šimeček Klarinette
Kryštof Koska Horn
Petr Sedlák Fagott

Alexander Zemlinsky (1871–1942)
Humoreske (Rondo) für Bläserquintett

Antonín Dvořák (1841–1904)
Streichquartett Nr. 12 F-Dur op. 96 Amerikanisches
(Bearbeitung für Bläserquintett von David Walter, veröffentlich von Gérard Billaudot, 1986 edition
1. Allegro ma non troppo
2. Lento
3. Molto vivace – Trio
4. Finale: Vivace ma non troppo – Meno mosso – Più mosso (Tempo primo)

Pause

Jan Novák (1924–1981)
Concertino für Bläserquintett
1. Allegro molto
2. Adagio 
3. Allegro (Swyngy)

Norman Hallam (*1945)
Dance Suite für Bläserquintett
1. Watz
2. Bossa nova
3. Quickstep
4. Charleston

Um 18:30 Uhr findet im Audi museum mobile eine Konzerteinführung mit Moderatorin Annekatrin Hentschel (BR-Klassik) statt.

Künstlerinnen/Künstler

Person steht allein im Lichtkegel auf einer dunklen Theaterbühne mit geschlossenen Vorhängen.

Werktext

Im Exil gestrandet
Zemlinskys Humoreske für Bläserquintett

Natürlich war der Titel ironisch gemeint. Nicht wegen der Musik, sondern aufgrund der Umstände ihrer Entstehung. Denn als Alexander Zemlinsky seine Humoreske komponierte, stand ihm das Wasser bis zum Hals. Nach dem „Anschluss“ Österreichs Mitte März 1938 an das nationalsozialistische Deutschland war der in Europa erfolgreiche Komponist, Pianist und Dirigent zusammen mit seiner Frau Louise nahezu mittellos in die USA geflohen. Hier konnte Zemlinsky aufgrund einer schweren Erkrankung weder dirigieren noch unterrichten, um sich finanziell über Wasser zu halten: „Das, was wir in Wien erlebt und gesehen haben“, schrieb er an seinen Schwager Arnold Schönberg, „konnte nur zu diesem Abschluss führen: ein kompletter Nervenzusammenbruch.“ Als einzige Einnahmequelle blieb das Komponieren von „aufführbarer“ Musik, weshalb der Dirigent Artur Bodansky Zemlinsky dem Geschäftsführer von Chapell & Co vorstellte, um seinem ehemaligen Lehrer zu einem Auftrag für diverse populäre Broadway-Songs zu verhelfen: „Zemlinsky war verwirrt und ungläubig. Er erinnerte sich an die Zeit seiner Jugend, als er Kapellmeister im Carlstheater in Wien war und in dieser ersten Stelle nicht nur vier Jahre lang Operetten dirigieren musste, sondern auch von der Direktion gedrängt wurde, solche zu schreiben. ‚Ich habe kein Talent dazu‘, sagte er damals, und das lastete jetzt wohl wieder auf seinem Gedächtnis.“
Nachdem Zemlinsky unter dem Pseudonym Al Roberts mehrere wenig erfolgreiche Lieder geschrieben hatte – inzwischen dachte er an Selbstmord –, erhielt er im Sommer 1939 von Boosey & Hawkes einen neuen Auftrag: Der renommierte Musikverlag wollte ein Repertoire anspruchsvoller Werke für Schulen aufbauen. Neben einem Jagdstück für zwei Hörner und Klavier steuerte Zemlinsky seine Humoreske zu dem Projekt bei: ein „Schulstück“ voller Witz, Charme und technischer Brillanz. Unvorstellbar, dass jemand in einer solchen Situation derart eingängige Melodien und geschmeidige Rhythmen zu Papier bringen kann. Zemlinskys Situation sollte sich nicht verbessern: Einen Tag, nachdem er die Humoreske vollendet hatte, erlitt er einen schweren Schlaganfall, der ihn bis zu seinem Tod im März 1942 zum Pflegefall machte. Seine Musik geriet in Vergessenheit, obwohl Schönberg das Andenken an seinen Schwager stets hochgehalten hat: „Ich habe immer fest geglaubt, dass er ein großer Komponist war.“ Ab Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Musik Alexander Zemlinskys wiederentdeckt – um sich umgehend im internationalen Konzertleben zu etablieren.

Typisch amerikanisch?
Dvořáks Streichquartett F-Dur op. 96

Als Antonín Dvořák 1892 seine Arbeit als Direktor am National Conservatory of Music in New York aufnahm, war er der erste europäische Komponist von Rang und Namen, der für einige Zeit hauptberuflich in der neuen Welt arbeitete – erst 15 Jahre später wurde Gustav Mahler als Dirigent an der Metropolitan Opera verpflichtet. Die Millionärsgattin und Gründerin der Institution, Jeannette Thurber, war bereit, bei überschaubarer Lehrverpflichtung jährlich 15.000 Dollar zu zahlen, was dem rund 25-fachen Gehalt entsprach, das Dvořák am Prager Konservatorium verdiente. Thurbers Wahl war nicht zuletzt deswegen auf ihn gefallen, weil der Komponist der tschechischen Musiknation zu internationalem Ansehen verholfen hatte, was ihm nun auch für die Musik der USA gelingen sollte: „Die Amerikaner erwarten große Dinge von mir, vor allem soll ich ihnen den Weg ins gelobte Land und in das Reich der neuen, selbstständigen Kunst weisen […]“. Dvořák konnte den Erwartungen entsprechen, denn nach der triumphalen Premiere seiner Neunten Symphonie war sich die New Yorker Kritik einig: Sie hatten den Beginn der „amerikanischen Kunstmusik“ erlebt und eine Symphonie „von amerikanischen Gefühlen erfüllt“ (New York Times) gehört. Vor dem Ereignis hatte Dvořák den Sommer in einem kleinen Dorf namens Spillville im tiefsten Iowa verbracht, der heute als älteste tschechische Ansiedlung in Amerika eine Touristenattraktion ist. Hier entstand in kürzester Zeit das Streichquartett F-Dur op. 96, in dem mit Pentatonik, Orgelpunkten, Synkopierungen und Ostinati ebenfalls sämtliche Merkmale zu finden sind, die von den Zeitgenossen als typisch „amerikanisch“ empfunden wurden. Mit ihm schrieb Dvořák ein ebenso folkloristisches wie pastorales Werk, dessen Musik von der Idylle des einleitenden Allegro ma non troppo über das emotionale Zentrum des langsamen Satzes führt, bevor das Ganze nach einem kurzen Scherzo mit tänzerischem Schwung und ostinaten Rhythmen turbulent ausklingt.

Grüße aus den New Yorker Jazzclubs
Jan Nováks Concertino für Bläserquintett

Die Werke des mährischen Exilkomponisten Jan Novák, der 1921 im malerischen Nová Říše in Tschechien geboren wurde, waren lange Zeit in Vergessenheit geraten – bis sie, unter anderem anlässlich seines 100. Geburtstags, wiederentdeckt wurden. Novák ließ sich in Brünn und Prag zum Pianisten und Komponisten ausbilden, wobei seine Karriere 1942 durch Zwangsarbeit in Deutschland unterbrochen wurde, der er sich erst im Februar 1945 durch die Flucht entziehen konnte. Im Juni 1947 erhielt Novák dann ein Stipendium der Jaroslav-Ježek-Stiftung, das ihm einen neunmonatigen Studienaufenthalt in den USA ermöglichte. Er besuchte einen Meisterkurs bei Aaron Copland in Tanglewood und nahm Privatstunden bei dem vor den Nationalsozialisten geflohenen tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů in New York, mit dem ihn bald eine enge Freundschaft verband. Und nicht nur das: Martinů sollte, neben Igor Strawinsky, zeitlebens Nováks erklärtes Vorbild bleiben.
Novák kam im Februar 1948 in seine Heimat zurück, zum Zeitpunkt des kommunistischen Umsturzes in der Tschechoslowakei. Er ließ sich erneut in Brünn nieder, wo er seinen Lebensunterhalt zunächst mit dem Komponieren von ideologisch unverdächtigen Filmmusiken verdiente. Gemeinsam mit seiner Frau, der Pianistin Eliška Hanousková, gab er viele Konzerte und komponierte bald auch für die Brünner Philharmonie, die sein Konzert für zwei Klaviere und Orchester 1956 beim Festival Warschauer Herbst vorstellte. Dabei hatte Novák dem kommunistischen Regime und der offiziellen Doktrin des sozialistischen Realismus mit seinen Forderungen nach „Einfachheit“, „Volkstümlichkeit“ und „Parteilichkeit“ immer kritisch gegenüber gestanden, weshalb er zeitweilig sogar aus dem Tschechoslowakischen Komponistenverband geworfen wurde. Das Doppelkonzert, bei dessen Aufführung Novák und seine Frau die Soli spielten, machten ihn einem internationalen Publikum bekannt. Der Erfolg war groß. Natürlich nicht bei der linientreuen Musikkritik, die in dem Stück „alle Scheußlichkeiten des Westens“ entdeckte, womit vor allem die vielen Jazz-Anklänge gemeint waren, den Novák zusammen mit Martinů in den New Yorker Clubs kennengelernt hatte. Letztere finden sich auch in dem Concertino für Bläserquintett, das Novák ein Jahr später komponierte. In ihm folgen auf ein rhythmisch vertracktes Allegro molto ein bluesartiger langsamer Satz (Adagio) und ein swingendes Finale, in dem die Stimmen der fünf Blasinstrumente in barocker Manier miteinander verwoben werden.

Goldene Zwanziger für Bläser
Norman Hallams Dance Suite

Auch Norman Hallams Dance Suite für Bläserquintett, deren Sätze nach unterschiedlichen Tanzstilen benannt sind, wurde vom Jazz inspiriert. Entstanden ist das beliebte Stück im Jahr 1980 für das Canzona Wind Quintet, in dem Hallam von Mitte der 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre als Klarinettist spielte. Hallam wurde im Oktober 1945 im englischen Coventry geboren und erkrankte als Vierjähriger an einer Herzkrankheit, die ihn dauerhaft an einen Rollstuhl fesselte. Im Alter von 11 Jahren begann er Klarinette zu spielen und studierte nach erstem Unterricht bei Michael Saxton an der Birmingham School of Music (heute Royal Birmingham Conservatoire), der damals erster Klarinettist beim BBC Midland Orchestra war. 1964 wechselte er an die Royal Academy of Music, wo er von Stephen Waters und John Davies unterrichtet wurde, zwei der bedeutendsten Klarinettisten Großbritanniens.
Nach zwei Jahren als Freelancer wurde Norman Hallam 1970 an der Seite von Kevin Banks zweiter Klarinettist des Bournemouth Symphony Orchestra, das er 1999 allerdings aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig verlassen musste. Während seiner musikalischen Tätigkeit war er immer auch als Komponist und Arrangeur tätig – für seinen Kollegen im Bournemouth Symphony Orchestra schrieb er ein „höllisch schweres“ Klarinettenkonzert (Banks). Die Dance Suite, eine überaus geistreiche Bereicherung des Bläserquintett-Repertoires, gehört heute zu seinen bekanntesten Werken überhaupt. Der verstolpert beginnende Kopfsatz (Waltz) nimmt nach allerhand harmonischen Schräglagen, kapriziösen Rhythmen und überraschenden musikalischen Querschlägern ein fast zu pathetisches Ende – mit einer ganzen Reihe von gerade für Blasinstrumente äußerst wirkungsvollen „Blue Notes“. Letztere finden sich auch im zweiten Satz, einem entspannten Bossa nova, bevor mit Quickstep und Charleston die „Goldenen Zwanziger“ anklingen – wobei Hallam im Quickstep kurz vor Schluss augenzwinkernd ein bekanntes Problem der Zeit auskomponiert hat: das Hängenbleiben einer Schallplatte.

Allgemeines

Veranstalter
AUDI AG
Kommunikation Kultur
85045 Ingolstadt

Text und Biografien
Harald Hodeige

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