Abendprogramm 18. Juli 2026
Barbican Quartet

Bildnachweis: © Andrej Grilc
Programm
Samstag, 18. Juli 2026
Beginn: 20 Uhr
Ort: museum mobile, Audi Forum Ingolstadt
Karten: 30 Euro
Gewinner des ARD-Musikwettbewerbs 2022
Barbican Quartet:
Amarins Wierdsma, Violine
Kate Maloney, Violine
Christoph Slenczka, Viola
Yoanna Prodanova, Cello
Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791)
Streichquartett D-Dur KV 575
Erstes „Preußisches Quartett“
1. Allegretto
2. Andante
3. Menuetto. Allegretto
4. Allegretto
Thomas Adès (*1971)
Arcadiana – Streichquartett op. 12
1. Venezia notturno
2. Das klinget so herrlich, das klinget so schön
3. Auf dem Wasser zu singen
4. Et … (tango mortale)
5. L’ embarquement
6. O Albion
7. Lethe
Pause
Sophia Jani (*1989)
Postlude
Maurice Ravel (1875 – 1937)
Streichquartett F-Dur
1. Allegro moderato – Très doux
2. Assez vif – Très rhythmé
3. Très lent
4. Vif et agité
Um 19.30 Uhr findet im museum mobile eine Konzerteinführung mit Annekatrin Hentschel (BR-Klassik) statt.
Künstlerinnen/Künstler

© Freepik
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Werktext
Musik für den König
Mozarts D-Dur-Quartett KV 575
1781 legte Joseph Haydn mit seinem „auf eine gantz neu Besondere Art“ komponierten Opus 33 gültige Thesen zur Streichquartett-Gattung vor: Erst mit diesen sechs Quartetten sah der Musikhistoriker Ludwig Finscher „das klassische Streichquartett“ voll und ganz ausgebildet. Kein Wunder, dass anschließend mehrere bedeutende und weniger bedeutende Komponisten Haydn diverse Streichquartette widmeten – auch Wolfgang Amadeus Mozart, der am 14. Januar 1785 sechs „Haydn-Quartette“ in sein Werkverzeichnis eintrug: ungemein dicht gearbeitete Werke, die Haydn anschließend im kleinen Kreis in Mozarts Wohnung hörte. Sein oft zitiertes Urteil ist durch Leopold Mozart in der eigenwilligen Orthographie der Zeit überliefert: „ich sage ihnen vor gott, als ein ehrlicher mann, ihr Sohn ist der größte Componist, den ich von Person und dem Nahmen nach kenne: er hat geschmack, und über das die größte Compositionswissenschaft“ – ein Lob, das innerhalb der Musikgeschichte seines gleichen sucht und auf das Haydns ehemaliger Schüler Beethoven wohl vergeblich gewartet hatte.
Acht Jahre nach den „Haydn-Quartetten“ entstand „Ein Quartett für 2 Violin, Viola et Violoncello. für Seine Mayestätt dem König in Preußen“ – als erstes Stück einer geplanten Quartettserie, die Mozart dem kunstsinnigen Monarchen mit finanziellen Hintergedanken widmen wollte: Friedrich Wilhelm II. war selbst passionierter Cellist und als Förderer insbesondere des Streichquartetts bekannt. Das Projekt geriet allerdings nach drei Quartette (KV 575, 589, 590) ins Stocken, weshalb sich Mozart von der Widmungs-Idee verabschiedete und die drei Stücke im Sommer 1790 an das Wiener Verlagshaus Artaria verkaufte – „um ein Spottgeld“, wie er klagte. Im D-Dur-Quartett KV 575 gab er dem Violoncello ausgiebig Gelegenheit, sich ins beste Licht zu rücken, was zweifellos als Reverenz an den avisierten Widmungsträger gedacht war. Dennoch werden alle musikalischen Ideen ausgewogen auf die vier Instrumente verteilt, wobei insbesondere der scheinbar so mühelos dahinfließende Schlusssatz mit seinen überraschenden Ausflügen in entfernte Tonarten zu Mozarts ganz besonderen Leistungen auf dem Gebiet des Streichquartetts zählt.
Musikalische Idyllen
Thomas Adès’ Streichquartett Arcadiana
Thomas Adès, der eigentlich Konzertpianist werden wollte, gelang der Aufstieg zum gefeierten Starkomponisten der britischen Gegenwartsmusik in Rekordzeit: Die Süddeutsche Zeitung rühmte ihn schon vor zwei Jahrzehnten als „international agierenden Star, dessen neue Werke Sensationsstatus besitzen“, die Financial Times feierte ihn als „visionäres Genie, Enfant terrible der Opernszene“ und „hoch inspirierten Bilderstürmer“. Bereits als Student veröffentlichte der 1971 geborene Londoner seine „Five Eliot Landscapes“ – das „vielleicht eindrucksvollste Opus 1 nach Alban Bergs Klaviersonate“ (USA Today), nachdem gleich drei Verleger bei ihm vorstellig geworden waren, um sich seine Manuskripte zu sichern. Adès, der sein Studium am King’s College und am St. John’s College im Cambridge mit Auszeichnung abschloss, wurde von der Hochschule weg vom Hallé-Orchestra engagiert, bei dem er drei Jahre lag als Composer in Association tätig war. In dieser Zeit schrieb Adès auch sein erstes Streichquartett Arcadiana, das 1994 vom Endellion Quartet in Auftrag gegeben und im selben Jahr in Cambridge uraufgeführt wurde.
Das Werk, das die ideale Landschaft Arkadiens beschwört, wie sie Vergil in seinen Hirtenliedern geschildert hat, avancierte bald zu einem echten Publikumsrenner. Die Satztitel, so der Komponist, „beschwören Bilder herauf, die mit der Vorstellung eines Idylls in Zusammenhang stehen, das entschwindet bzw. entschwunden oder imaginär ist“. Mit Hilfe von musikalischen Anklängen werden die unterschiedlichsten Bezüge hergestellt: Nach der traurigen Weise eines venezianischen Gondoliere, meldet sich im zweiten Satz Mozarts Königin der Nacht aus der Zauberflöte zu Wort, begleitet von Papagenos Silberglöckchen. An dritter Stelle klingt das Schubert-Lied „Auf dem Wasser zu singen“ D 774 an, gefolgt von einer geheimnisvollen „Et… (tango mortale)“ überschriebenen Musik, die sich auf auf ein Bild des französischen Barockmeisters Nicolas Poussin bezieht, auf dem Hirten ein Grab mit der Inschrift „Et in Arcadia ego“ entdecken. Der Titel des fünften Satzes wurde von Jean-Antoine Watteaus Gemälden Einschiffung nach Kythera abgeleitet (die griechische Insel vor der Südostspitze der Peloponnes galt im 18. Jahrhundert als idyllischer Ort der Liebenden), während der letzte Satz „Lethe“ nach dem Fluss benannt ist, aus dem laut griechischer Mythologie die Seelen der Verstorbenen trinken, um ihr früheres Leben zu vergessen, da sie erst dann wiedergeboren werden können.
Fragil, transparent und schwebend
Sophia Janis Postlude für Streichquartett
Ihre Musik erzeugt „die Illusion von Einfachheit. Sie verwendet überwiegend konsonante Klänge, entfaltet sich sanft, mit großer Feinheit und Gelassenheit, und sucht einen ehrlichen, direkten Weg vorwärts.“ Soweit der US-amerikanische Pulitzer-Preisträger David Lang über seine ehemalige Studentin Sophia Jani, die Ihre Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater München sowie an der Yale School of Music erhielt. „Paradoxerweise“, so Lang weiter, „ist es schwer, Musik zu schreiben, die so wirkt, als sei sie einfach. Einfachheit entsteht, indem man all die Arbeit verbirgt, die in ihr steckt. Manchmal ist das Komplizierteste überhaupt, etwas zu schaffen, das unkompliziert erscheint. […] es gibt viele Dinge, die wir schätzen, gerade wegen ihrer gelassenen Ordnung, ihrer ruhigen Präsenz, ihrer scheinbaren Mühelosigkeit. Doch hinter dieser Mühelosigkeit steckt immer große Anstrengung.“
Sophia Jani, deren Debütalbum Music as a mirror (2022) eine Opus-Klassik-Nominierung erhielt, arbeitet in ihren poetischen Werken oft mit Wiederholungen, Schichtungen und sich wie in Zeitlupe entwickelnden Klangflächen. Im Auftrag des Barbican Quartet komponierte sie mit Postlude ein kurzes, kontemplatives Quartettstück, das von ruhigen Texturen, langsamer Verdichtung und lyrischem Minimalismus geprägt wird. Eine in sich gekehrte, langsam atmende und licht Musik – fragil, transparent und schwebend. „Es ist schwer, direkt zu sein, etwas klar zu sagen, ehrlich zu sein, authentisch zu bleiben, zu meinen, was man sagt, und zu leben, was man meint“, sagt David Lang. „Diese Musik tut genau das.“
Der Klangmagier
Ravel und sein Streichquartett F-Dur
„Ich habe keine Eingebung“, bekannte Maurice Ravel. „Eine willkürliche Note, dann eine zweite und vielleicht noch eine dritte. […] Ich arrangiere und ordne sie – wie ein Maurer eine Wand errichtet.“ Kein Zweifel: Ravel, der in den Worten Strawinskys wie ein „Schweizer Uhrmacher“ komponierte, verstand sich nicht als ein in Klängen denkender Philosoph. Nach seinen ästhetischen Grundsätzen befragt, verwies er auf Mozart, der sich auf die Feststellung beschränkt habe, „dass es nichts gebe, was die Musik nicht versuchen, wagen oder darstellen könne, vorausgesetzt, sie höre nicht auf zu bezaubern und bleibe stets Musik.“ Auch für Ravel sollte Musik „bezaubern“ – nicht mehr, aber auch nicht weniger, was ihm mit seinem brillanten F-Dur-Quartett zweifellos einmal mehr gelang. Aufgrund der vollendeten Ausgewogenheit seiner Proportionen, seiner Originalität und seines schillernden Klangfarbenreichtums gilt das Werk nämlich als Höhepunkt von Ravels erster Schaffensperiode: als Geniestreich, dessen vermeintliche Einfachheit – paradox genug – aus größter Kunstfertigkeit heraus entsteht.
Bereits im Kopfsatz, der mit Hilfe eines weit verzweigten Netzwerks aus motivischen Bezügen mit den übrigen Sätzen verknüpft ist, wird die Schlichtheit der „klassischen“ Themen von einer „modernen“ Harmonisierung unterlaufen. Innerhalb des dreiteiligen zweiten Satzes finden sich dann ungewohnte Anklänge an javanische Gamelan-Musik, die Ravel im Rahmen der Pariser Weltausstellung im Jahr 1889 kennengelernt hatte. Auch im langsamen dritten Satz dominieren ungewohnte Klangfarben, da die Instrumente mit Dämpfern, am Steg, am Griffbrett und in hohen Lagen spielen müssen. Das Finale im seltenen 5/8-Takt sorgt schließlich mit unregelmäßigen Metren und eruptiven Ausbrüchen für einen brillanten Ausklang: Wohl nie zuvor klang ein Streichquartett derart exotisch.
Allgemeines
Veranstalter
AUDI AG
Kommunikation Kultur
85045 Ingolstadt
Text und Biografien
Harald Hodeige
