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Menschzentrierte Gestaltung beginnt da, wo Funktionalität aufhört

„Menschzentrierte Gestaltung beginnt da, wo Funktionalität aufhört“

Die Mobilität von morgen und menschzentrierte Gestaltung sind bei Audi eng verknüpft. Designer Marcel Wanders, dessen Studio zum Beispiel den Audi Auftritt bei der Milan Design Week 2021 gestaltet hat, steht für diese Design-Philosophie wie kaum ein anderer. Ein Gespräch über Werte, Innovation und humanistische Autos.

Text: Nadia Riaz-Ahmed - Foto: Marcel Wanders studio Lesezeit: 8 min

Eine weiße Porzellan-Lampe hängt vor einem schwarzen Hintergrund.

Herr Wanders, Sie setzen ganz auf menschzentrierte Gestaltung. Was ist damit gemeint?
Na ja, der Mensch ist schon ein komisches Tier. Wir stellen uns einen Weihnachtsbaum in die Wohnung, tragen hochhackige Schuhe und beobachten hingebungsvoll, wie sich eine Katze das Fell leckt. Menschzentrierte Gestaltung heißt zu verstehen, dass wir längst nicht so rational sind, wie wir gerne glauben. Dieser Ansatz beschäftigt sich mit der Frage, wie wir uns – einzeln und in der Gemeinschaft – mit Objekten und miteinander auseinandersetzen. Viel zu lange haben wir geglaubt, dass der Designprozess ein rationaler, systematischer Vorgang sei. In Wirklichkeit treffen die Menschen jedoch, zumindest teilweise, irrationale Entscheidungen – und genau das macht uns zu schönen und poetischen Wesen. Ich bin deshalb mit meinem Studio auf der Suche nach dem eigentlichen Wesenskern und der wahren Poesie hinter unserem Handeln und nutze die hier gewonnenen Einsichten, um möglichst langlebige Werte bei bestmöglicher Ressourcenschonung zu entwickeln.

Wie erwecken Sie die Grundsätze menschzentrierter Gestaltung zum Leben?
Bei der menschzentrierten Gestaltung geht es um die Verknüpfungen zwischen dem Menschen und der von ihm geschaffenen Umwelt. Funktionalität ist dabei sicher die erste Anforderung, denn ohne Funktion ist alles nichts. Leider geben wir uns allzu oft schon mit diesem Mindestanspruch zufrieden. Menschzentrierte Gestaltung aber beginnt da, wo Funktionalität aufhört. Das, was danach kommt, ist Gegenstand eines Reflexionsprozesses mit hintergründigen Fragen und oft komplexen Antworten. Über die reine Funktion hinaus können Gegenstände auch Werte, Träume und Ideen transportieren.

Eine Hotellobby aus der Vogelperspektive mit runden, bunten Sitzinseln

Was bedeutet das ganz allgemein für unser Leben? Und welche Rolle spielt Nachhaltigkeit dabei?
Wenn wir es schaffen, bewusst in die uns umgebenden Objekte zu investieren, dann wird unsere künstliche Umwelt bedeutungsvoller. Dank dieser neuen Bedeutungsdimension entsteht eine tiefe Sinnhaftigkeit, die uns einen größeren und längeren Nutzen bescheren wird. Für mehr Nachhaltigkeit braucht es weniger Sachen mit mehr Wert. Weniger von mehr.

Was ist ein typisches Beispiel für Ihr humanistisches Design?

Eine meiner bekanntesten Arbeiten ist eine große Lampe in Form einer Glocke. Die meisten von uns sind mit dem Klang von Glocken aufgewachsen. Sie stehen symbolisch für Ankunft, Zusammenkunft, Willkommenheißung und den Lauf der Zeit. Die Glocke war das erste Instrument der Massenkommunikation. Erst mit ihr wurde es möglich, viele Menschen gleichzeitig über eine große Entfernung hinweg zu erreichen. Unsere Lampe symbolisiert Einladung und Ankunft.

Wenn die Poesie von der Liebe handelt. Wenn die Kunst, das Theater, wenn auch die Oper von der Liebe handelt … Warum soll dann Design von Funktionalität handeln?

Marcel Wanders

Riesige, goldene Glocken-Lampen hängen in einer Halle zwischen weißen Säulen

Wie und wann ist die Menschlichkeit aus dem Design verschwunden?
Mit dem Siegeszug von Rationalismus und Minimalismus im aufkommenden Zeitalter des Modernismus wurde Rationalität zum wichtigsten Faktor bei der Entscheidungsfindung. Design sollte plötzlich nur noch den Intellekt befriedigen. Dabei sind wir Menschen so viel mehr als der reine Verstand. Die Zahl als Maß aller Dinge hat beispielsweise Häuser hervorgebracht, die einer Excel-Tabelle entsprungen zu sein scheinen, aber kein Zuhause-Gefühl mehr vermitteln. Natürlich hat die Ratio ihren festen Platz im Designprozess, schließlich müssen die Dinge funktionieren. Aber das ist allenfalls der Anfang. Vor allem, wenn man etwas schaffen möchte, das gesellschaftlichen und individuellen Nutzen stiftet.

Marcel Wanders sitzt und schaut mit verschränkten Händen direkt in die Kamera.
Ein graues, bläuliches Oberflächen-Muster.
 

Marcel Wanders

Der Designer Marcel Wanders ist gemeinsam mit Gabriele Chiave die kreative Zentrale von Marcel Wanders studio in Amsterdam. Das Studio beschäftigt 40 Design- und Kommunikationsexpert_innen. Berühmtheit erlangte der Niederländer 1996 mit seinem Knotted Chair, einem verknoteten Stuhl, der längst Kultstatus erlangt hat. Er ist Mitbegründer des 2001 entstandenen Designlabels Moooi.

 

Wie verleiht man einem Objekt immateriellen Zusatzwert?
Es ist im Grunde genommen ganz einfach, aber in vielen Köpfen doch nicht präsent:
Wenn man etwas besitzt, das einem sehr gefällt, etwas, wonach man gesucht und schließlich gefunden hat, etwas, das seinen Zweck nicht besser erfüllt als andere Objekte, das man aber trotzdem nicht eintauschen würde, dann hat dieses Etwas einen zusätzlichen Wert inne. Hat man hingegen in seinem Zuhause etwas, dessen Besitz einem nichts bedeutet, und das man ohne zu zögern gegen einen Gegenstand mit den gleichen Eigenschaften eintauschen würde, dann war entweder Ihre Kaufentscheidung oder das Produktversprechen falsch.

Was würden Sie aus einem brennenden Haus retten?

Ich besitze einen 3.000 Jahre alten Keramiktopf, ein ziemlich hässliches Ding. Er befand sich über eine sehr, sehr lange Zeit auf dem Meeresboden, nachdem er mehr als 100 Jahre lang auf einem asiatischen Schiff eingesetzt wurde. Ich habe ihn nun schon seit 23 Jahren. Jedes Mal, wenn ich ihn betrachte, überkommt mich ein Gefühl der Demut. Mein Designlabel Moooi hat Nachbildungen von diesem antiken Topf angefertigt, die wir nun als Porzellanvasen verkaufen. Somit hat dieses hässliche Ding nach mehr als drei Jahrtausenden Nachwuchs bekommen. Es kommt mir so vor, als hätte ich diesem alten Topf und seinem Hersteller eine Familie gegeben. Er ist mir ungemein wichtig.

Acht leuchtende Lampen hängen asymmetrisch an der Decke.

Lasst uns Schichten aus Poesie, Liebe und Überraschungen auftragen

Marcel Wanders

Die Designwelt kennt Sie als kreatives Kraftfeld, das Fantasie und Leidenschaft in den Schöpfungsprozess einbringt. Wie machen Sie das?
Nun, ich lebe. Ich bin ein menschliches Wesen. Ich bringe meine Menschlichkeit ein. Ich setze meinen Verstand ein, begreife das aber nur als Ausgangspunkt. Wenn wir im Studio ein neues Projekt in Angriff nehmen, sage ich meinem Team: Lasst uns an alles denken und das Problem von allen Seiten betrachten. Lasst es uns so klug wie möglich angehen. Lasst uns unser Bestes geben und alle nur erdenklichen Funktionen berücksichtigen. Und wenn wir das getan haben, wenn wir das Problem vollständig und auf die smarteste Weise gelöst haben, sage ich meinen Leuten: Lasst uns diese Intelligenz mit Schichten aus Poesie, Liebe und Überraschungen überziehen. Aber so, dass niemand es merkt.

Licht und Schatten sind in einem Zoom der weißen Lampe zu sehen.
Eine Nahaufnahme einer Hand, die in einem Teil der Lampe das Muster einritzt.

Ihr Studio hat das Konzept und die Ausstattung des Audi City Lab für die Milan Design Week 2021 entworfen. Wie würden Sie die inhaltliche und visuelle Aussage beschreiben?
Licht als ein Medium, das Informationen und Stimmungen transportiert, spielt eine wichtige Rolle bei Audi. Es ist auch von elementarer Bedeutung für die Inszenierung des Audi City Lab. Die Lichter sind hier einfach überall. Sie zeigen den Weg, ziehen die Blicke auf sich, erzählen Geschichten, spielen mit den Sinnen der Besuchenden und schärfen ihre Sensibilität. Es ist ein intuitives Spiel, das keiner so beherrscht wie die Autohersteller. Aber es gibt noch mehr: So finde ich es überaus interessant, dass kein Fahrzeugsitz von Audi so aussieht wie die Sitzmöbel, die wir zu Hause haben. Die Erwartungen an einen Autositz sind nun mal anders als die Erwartungen an einen Stuhl für das eigene Wohnzimmer. Teilweise ist das natürlich funktionsbedingt. Und doch hat es auch Symbolcharakter. Für das Mailänder Event haben wir deshalb einen Audi Fahrzeugsitz für das Wohnumfeld kreiert. Durch diesen Symboltausch, durch diese Wanderung zwischen den Welten, haben wir eine Anomalie geschaffen.

Apropos Audi Fahrzeugsitze: Ein Blick auf die Serie der Sphere-Konzeptfahrzeuge zeigt, dass Audi speziell beim Innenraum auf menschzentriertes Design setzt. Wie sollte ein so gedachtes Auto Ihrer Meinung nach aussehen?

Ist es nicht ein verrückter Gedanke, dass der menschliche Körper mit hoher Geschwindigkeit bewegt wird, während er sich nur 20 Zentimeter über steinhartem Untergrund befindet? Durch nichts anderes geschützt als jene doch relativ kleinen Elemente, die für seine Sicherheit sorgen müssen. Die große Aufgabe eines Autos ist deshalb nicht nur physikalischer und funktionaler Natur. Vielmehr geht es darum, uns in Sicherheit zu wiegen und die Insass_innen nicht ausbrechen zu lassen. Autos müssen symbiotische, bionische Kreaturen sein und den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Dazu müssen Fahrende und Auto eine absolut zuverlässige Einheit bilden.

Audi x Milan Design Week 2021

 

Audi x Milan Design Week
 

Willkommen im neuen Zeitalter des progressiven Luxus

Platz für zukunftsweisen Luxus und Individualität – der Audi grandsphere concept beeindruckt durch überragenden Komfort und ein exklusives Mobilitätserlebnis. Entdecken Sie die Sphere-Konzeptfahrzeuge von Audi.